Wenn ein Mensch stirbt, gibt es plötzlich unglaublich viel zu regeln. Termine, Blumen, Musik, Trauerkarten, die Beisetzung. Und während all diese Dinge entschieden werden müssen, ist da gleichzeitig dieser eine Gedanke: Da fehlt jetzt jemand.
Ein Mensch, der vorher ganz selbstverständlich da war.
Genau deshalb spreche ich lieber von einer Lebensrede als von einer Trauerrede.
Denn natürlich geht es um den Abschied. Aber noch viel mehr geht es für mich um das Leben davor.
Nicht nur Daten und Jahreszahlen
Wenn ich mich mit einer Familie zusammensetze, möchte ich nicht einfach nur wissen, wann jemand geboren wurde, welchen Beruf er hatte und wann geheiratet wurde.
Mich interessiert der Mensch dahinter.
Wie war er eigentlich? Was hat ihn ausgemacht? Worüber konnte er lachen? Was konnte er besonders gut? Und vielleicht auch: Was konnte er überhaupt nicht?
Gab es einen Satz, den alle aus der Familie kennen? Ein Hobby, für das alles andere stehen und liegen gelassen wurde? Eine bestimmte Art zu lachen? Einen Stammplatz am Küchentisch? Oder eine kleine Macke, über die sich alle regelmäßig aufgeregt haben – und die jetzt wahrscheinlich trotzdem fehlen wird?
Genau diese Dinge erzählen für mich viel mehr über einen Menschen als eine Reihe von Jahreszahlen.
Und oft passiert bei unseren Gesprächen etwas ganz Schönes: Zwischen all der Traurigkeit wird plötzlich gelächelt. Einer erzählt etwas, dem nächsten fällt noch eine Geschichte ein und auf einmal sitzt man da und sagt:
„Ja. Genau so war er.“
Das sind die Momente, die ich mitnehme.
Bei einem Abschied darf auch gelacht werden
Eine Trauerfeier muss für mich nicht von Anfang bis Ende schwer sein.
Wenn ein Mensch gerne gelacht hat, wenn er für seinen trockenen Humor bekannt war oder wenn es diese eine Geschichte gibt, die in der Familie schon hundertmal erzählt wurde und trotzdem immer wieder alle zum Lachen bringt – warum sollte sie bei seinem Abschied keinen Platz haben?
Man darf weinen und kurz danach über eine Erinnerung lachen.
Das eine macht das andere nicht weniger.
Vielleicht ist es sogar genau das, was einen persönlichen Abschied ausmacht: dass der Mensch noch einmal so vorkommen darf, wie er wirklich war.
Es muss nicht immer alles so sein, „wie man das eben macht“
Auch beim Abschiednehmen gibt es heute viele Möglichkeiten.
Eine Trauerfeier kann in einer Kapelle stattfinden, auf einem Friedhof, in einem Friedwald oder unter freiem Himmel. Es kann Musik gespielt werden, die wirklich zu diesem Menschen gehört hat. Angehörige können selbst etwas sagen, müssen es aber nicht. Vielleicht gibt es ein Foto, Blumen aus dem eigenen Garten oder einen Gegenstand, der einfach dazugehört.
Nicht jede Familie braucht dasselbe. Und nicht zu jedem Menschen passt dieselbe Art von Abschied.
Deshalb finde ich die Frage viel wichtiger:
Was passt zu dem Menschen, von dem ihr Abschied nehmt? Und was fühlt sich für euch als Familie richtig an?
Mehr muss es eigentlich gar nicht sein.
Und dann sind da die Menschen, die bleiben
Eine Lebensrede erzählt von einem Menschen, der nicht mehr da ist. Aber am Tag des Abschieds sitze ich vor den Menschen, die mit ihm gelebt, gelacht, gestritten und ihren Alltag geteilt haben.
Auch sie gehören zu seiner Geschichte.
Deshalb nehme ich mir Zeit für unser Gespräch. Ihr müsst dafür nichts vorbereiten und ihr müsst auch keine perfekten Geschichten erzählen können.
Erzählt mir einfach von ihm.
Von früher. Von heute. Von den schönen Dingen und vielleicht auch von denen, die nicht immer einfach waren. Von dem, was euch als Erstes in den Kopf kommt, wenn ihr an diesen Menschen denkt.
Ich höre zu, frage nach und sortiere später all die kleinen und großen Erinnerungen.
Daraus entsteht eine Rede, die nicht irgendein Leben beschreibt.
Sondern dieses eine.
Weil ein Leben so viel mehr ist als sein letzter Tag
Natürlich kann eine Lebensrede den Abschied nicht leichter machen.
Aber vielleicht kann sie für einen Moment den Blick verändern.
Weg von dem Tag, an dem ein Mensch gegangen ist – hin zu all den Tagen, an denen er da war.
Zu seinem Leben. Seinen Eigenheiten. Den gemeinsamen Erlebnissen. Den Menschen, die zu ihm gehört haben. Und zu all dem, was von ihm bleibt.
Genau deshalb ist es für mich keine Rede über den Tod.
Es ist eine Rede über das Leben.